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Fotografieren mit der Yashica Mat 124G – Ein Erfahrungsbericht

Vor fast einem dreiviertel Jahr legte ich mir auf einer Kamerabörse in Wilhelmsburg eine alte analoge Mittelformatkamera zu. Ich war zuvor lange am Überlegen, was für eine es werden sollte. Eine Bronica? Oder eine Mamiya? Oder vielleicht sogar eine Hasselblad? Zumindest eine einäugige, dass schien ich wohl unbewusst schon beschlossen zu haben. Denn zweiäugige schienen mir doch ein wenig zu veraltet.

Nun war mal wieder Kameramarkt und ich schaute mir die Angebote gründlich an. Sogar alte Balgenkameras hielt ich in der Hand. Zweiäugige natürlich auch.

Plötzlich hatte ich eine Yashica Mat 124G zwischen den Fingern. Ich weiß nicht warum ich von ihr angetan war, aber ich war es! Sie hatte einen guten Pflegezustand und schien tadellos in Schuss. Und nur 130,- Euro sollte sie kosten. Das war schon bedeutend weniger, als ich für eine Mamiya hätte zahlen müssen. Bei so einer wären gut 400,- Euro aufgerufen worden, bei einer Hasselblad sogar nochmal das Doppelte. Und Tele- und Weitwinkelvorsatz gab es bei der Yashica obendrein.

Da konnte ich einfach nicht widerstehen und kaufte die Yashica Mat 124G auf der Stelle. Leider musste ich zuhause beim ersten Film feststellen, dass der Filmtransport defekt war. Vor Ort bzw. ohne Film war dieser Defekt nicht festzustellen. Das Getrieberad war gebrochen, wie sich später herausstellte, und musste in der Werkstatt von Foto Wiese in Hamburg-St.-Georg repariert werden.
Aber dann ging es endlich los! 33 Rollfilme habe ich in acht Monaten durchgezogen, bis auf eine Ausnahme alle in Schwarzweiß. Auf dem letzten Kurztripp nach Madrid war sie neben der Handykamera sogar die einzige Kamera, die ich inklusive 9  Filmen mitnahm. Und ich habe es nicht bereut.

Zeit also, einen kleinen Zwischenbericht zu verfassen.

Yashica Mat 124G mit geöffnetem LichtschachtsucherAuf den erste Blick mutet die Kamera, die übrigens in den 70iger Jahren konstruiert wurde, mit ihren zwei Linsen und dem klobigen Kasten, welcher eigentlich eher an eine Ampel als an einen Fotoapparat erinnert, ein wenig altbacken an. Das Kameragehäuse wird mittels Drehverriegelung unter dem Boden geöffnet. Die Rückwand lässt sich nach der Entriegelung nach oben klappen und legt somit den gesamten Rückteil frei. Die unbelichtete Spule wird nach Ziehen des linksseitigen Verriegelungsknopfes in die Kamera gelegt. Ich habe es mir angewöhnt, den Klebestreifen vom Film noch nicht zu entfernen, sondern dies erst dann zu tun, wenn der Film richtig im Gehäuse sitzt. Nach dem Entfernen des Klebestreifens lässt sich der Papiervorlauf des Films von der Rolle ziehen und zur oberen Spule führen, welche den Papiervorlauf aufnimmt. Ist die Lasche des Papiers erst einmal durch den Schlitz der Leerspule gesteckt, kurbelt man den Film mit der rechtsseitigen Kurbel soweit weiter, bis die Anfangsmarkierung des Films mit den Markierungen des Kameragehäuses übereinstimmen. Hier gibt es zwei Markierungen, eine für einen Film mit 12 Aufnahmen (solche sind derzeit handelsüblich) und eine weitere für einen Film mit 24 Aufnahmen (solche habe ich noch nicht gefunden). Hat man die Markierungen zur Deckung gebracht, wird die Kamerarückwand geschlossen. Vorher muss aber mit einem Schiebemechanismus an der Rückwandinnenseite eingestellt werden, ob ein 12er- oder ein 24iger-Film eingelegt wurde. Dies ist wichtig, damit der Filmzähler richtig arbeitet bzw. die Kamera nach 12 Aufnahmen beim „kleinen“ Film den Filmtransport freigibt, so dass der Film aufgespult und gewechselt werden kann. Bei falscher Einstellung könnte es ansonsten beim Filmwechsel Probleme geben und die Kamera müsste u.U. in der Dunkelkammer geöffnet werden, um den Film zu entnehmen.

Die Kamera liefert Negative im Format 6×6 cm. Aus diesen lassen sich selbstverständlich auch Abzüge im Hoch- oder Querformat erstellen. Ich komponiere meine Bilder damit aber meistens im vollen Format und ziehe dann Abzüge im Format 30 x 30 cm, welche dann in entsprechenden Rahmen an unseren Wänden verschwinden und dann ab und an gegen neue ausgetauscht werden. Sofern ich Hoch- oder Querformat erstellen möchte, benutze ich eine entsprechend zugeschnittene Schablone, die das gewünschte Maß (abhängig vom verwendeten Bilderrahmen) frei gibt.

Mattscheibe der Yashica Mat 124GDie Yashica hat einen Lichtschachtsucher mit einer hellen Mattscheibe, die das Motiv gut erkennen lässt. Der Fokus wird mit der linken Hand bedient, während das Gehäuse auf der rechten ruht. Als Hilfmittel steht eine Lupe im Lichtschachtsucher zur Verfügung, welche bei Berdarf hochgeklappt werden kann. Damit lässt sich zuverlässig scharf stellen.
Die Kamera verfügt zwar über einen Belichtungsmesser, den ich jedoch nicht benutze. Er ist für alte Quecksilberbatterien ausgelegt, die heute nicht mehr im Handel erhältlich sind. Zwar ist eine Umrüstung für heutige Batterien für rund 40,- Euro möglich. Ich verzichte jedoch auf den kamerainternen Belichtungsmesser. Entweder ich fotografiere nach der Sunny-16-Regel oder ich benutze einen externen Belichtungsmesser als iPhone-App. Ich habe auch gelesen, dass manche eine neue 1,5 Volt-Batterie einlegen. Die Abweichungen des Belichtungsmessers sollen dabei nur gering sein. Als Alternative zur Quecksilber gibt es einem anderem Blog zufolge verschiedene Lösungen

Die Blende wird stufenlos mit dem linken Rädel am Gehäuse eingestellt, die Verschlusszeit (bis 1/500-stel Sekunden) mit dem rechten. Bei dem Verschluss handelt es sich um einen Zentralverschluss, welcher mit einem Auslöser, der sich unten rechts am Gehäuse befindet, bedient wird.

Der Auslöseknopf muss recht weit ins Gehäuse gedrückt werden, bis der Verschluss reagiert. Ein ganz leises „Klack“ signalisiert als akkustische Rückkopplung die erfolgte Belichtung.

Dieses leise „Klack“ ist auch eine Stärke der Kamera. Denn wegen ihres zweiten Auges, welches das Sucherbild liefert, benötigt sie nämlich keinen Klappspiegel, welcher bei ihren einäugigen Schwestern namens Bronica und Mamiya beim Auslösen für ein sattes, lautes Scheppern sorgt und damit unauffälliges Vorgehen verhindert. Damit ist sie ideal für die Streetfotografie oder für Kircheninnenräume. Es macht einfach Spaß , mit ihr durch Städte zu ziehen und zu fotografieren. Da sie relativ leicht und zudem kompakt gebaut ist, lässt sie sich gut am Riemen über der Schulter tragen.

Der Filmtransport erfolgt mit einer Kurbel. Nach jeder Belichtung wird sie ausgeklappt und mit einer halben Umdrehung der Kurbel (nach der erforderlichen Strecke stoppt ein Anschlag weiteres Kurbeln) wird der Film weitergespult, mit der anschließenden Kurbelbewegung rückwärts der Verschluss gespannt. Apropos Transportkurbel: Sie ist offenbar die Schwachstelle der Yashica Mat 124G. Bei meiner war sie beim Kauf defekt und diversen Foreneinträgen habe ich entnommen, dass das wohl ein häufiges Problem ist.

Die Negative haben einen leicht unterschiedlichen Abstand auf dem Filmstreifen. In ganz seltenen Ausnahmen war der Abstand nur sehr gering, so dass ein sehr sorgfältiger Schnitt erforderlich wurde. Überlappungen der Negative hatte ich jedoch nie.

Die Qualität der erstellten Negative ist gut. Gestochen scharfe Bilder mit angenehmen Grauverläufen sind möglich.

Sofern man Weitwinkelaufnahmen machen möchte, lässt sich der Weitwinkelvorsatz auf die 80-mm-Linsen, die ihrerseits fest in der Kamera verbaut sind, setzen. Der Vorsatz führt zu einer Brennweite von ungefähr 60 mm. Für Teleaufnahmen stehen die Televorsätze bereit, die zu einer Brennweite von ungefähr 112 mm führen.

Der Weitwinkelvorsatz hat eine leichte Tonnenverzeichnung, die man je nach Aufnahmesituation mal mehr, mal weniger, oder sogar gar nicht wahr nimmt.

Ein weiterer schöner Nebeneffekt der Kamera ist, dass man beim Fotografieren oft und leicht mit anderen Leuten ins Gespräch kommt, die einen staunend bewundern. Manche halten die Yashica sogar für den neusten digitalen Schrei und müssen dann überzeugt werden, dass es wirklich eine alte analoge Kamera ist.

Fazit: Die Yashica Mat 124G ist eine klasse analoge Mittelformatkamera, die ich insbesondere Einsteigern ins analoge Mittelformat sowie jenen, die in der analogen Fotografie einen Gegenpol zur digitalen Technik suchen, wärmstens empfehlen kann. Die Ergebnisse sind mehr als befriedigend und es macht Riesenspass, in der eigenen Dunkelkammer Abzüge zu erstellen. Wer allerdings im Mittelformat angekommen ist und hauptsächlich analog unterwegs sein möchte, dem sei wohl doch eher zu den etwas teureren einäugigen Kameras geraten, die ihre Stärken sicherlich in der Möglichkeit der freien Objektivwahl haben und hier klar im Vorteil sind.

 

Weiterführende Fundstellen zum Thema:

Erfahrungsbericht auf Flickr

Blog von Walter von Aachen

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