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Die Negativentwicklung eines Schwarzweißfilms

Bevor wir uns mit der Negativentwicklung befassen, möchte ich noch einmal auf das Prinzip in der analogen Fotografie eingehen. Sie unterscheidet sich nämlich von ihrem digitalen Gegenstück dadurch, dass Digitalkameras kein Negativ produzieren, sondern gleich das positive Bild. Auch wenn RAW-Dateien im fotografischen Sprachgebrauch als digitales Negativ bezeichnet werden, sind sie selbstverständlich keine solchen im Sinne der analogen Fotografie. Analoge Kameras erstellen ein Negativ, auf welchem die verschiedenen Grautöne des fertigen Bildes „invertiert“ dargestellt werden. Helle Stellen des Motivs werden im Negativ dunkel, dunkle hell. Je mehr Licht auf eine Stelle des Films einwirkt (also je heller es im Motiv an jener Stelle ist) je dunkler wird es im Negativ dort nach der Entwicklung.

Entwickelter Schwarzweissfilm Rollei Retro 80S beim TrocknenDie dunklen Stellen entstehen nämlich durch Silbehalogenidkörnchen, die zahlreich in der Schicht des Films vorhanden sind und durch das Licht „gereizt“ bzw. „aktiviert“ wurden. Je mehr Silberhaligenidkörnchen durch Licht aktiviert wurden, je höher wird deren Dichte im folgenden Entwicklungsprozess (und je dunkler wird es im Negativ). Als grobe Eselsbrücke kann man sich merken: Wenig Licht + Entwicklung = wenig Schwärzung, mehr Licht + Entwicklung = mehr Schwärzung, viel Licht + Entwicklung = viel Schwärzung.

Im Moment der Belichtung in der Kamera erlangt das Negativ aber lediglich das Potential für die spätere Dichte, noch nicht die Dichte an sich. Dies geschieht erst durch die Entwicklung. Diese Erkenntnis ist wichtig, denn dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, ein belichtetes Negativ durch die nachfolgende Entwicklung noch zu manipulieren. Mit der Belichtung in der Kamera ist nämlich noch lange nichts in Stein gemeißelt, wie man zunächst vermuten mag. Wir können zwar nichts mehr an der Belichtung, oder besser an der Aktivierung der Silberhalogenidkörnchen, ändern, jedoch an deren Helligkeitsverhältnis zueinander, also dem Kontrast.

Wenn die Negativentwicklung startet, d.h. der Film in die Entwicklerlösung kommt, beginnt die Ausbildung der Zonen (siehe den Beitrag Das Zonensystem von Ansel Adams) proportional zu ihrer Aktivierung. Hohe Dichten bilden sich schneller aus, als niedrige. Jene Entwicklungszeit, die erforderlich ist, um jede Zone ihre entsprechende Dichte erreichen zu lassen, ist die „Normalentwicklungszeit“. Eine Verlängerung dieser Normalentwicklungszeit, eine sogenannte N+ Entwicklung, lässt die Dichten ein wenig weiter anwachsen, als es ihren Zonen entspricht. Sie verschieben sich damit in höhere Zonen. Dies gilt jedoch nicht für alle Zonen gleichermaßen:

Zone 0 und Zone 1 lassen sich praktisch nicht verschieben. Eine Verlängerung der Entwicklungszeit hat keinerlei Auswirkung auf diese Zonen. Das sind die Bereiche, die im Positiv reines Schwarz, im Negativ somit aber transparent bzw. nahezu transparent sind. Das heisst, an diese Stellen gelangte von vornherein so wenig Licht, dass gar keine bzw. nur ganz, ganz wenige Silberhalogenidkörnchen aktiviert wurden, die sich überhaupt durch eine Entwicklung, egal wie lange diese dauert, ansprechen lassen.

Zone 2 kann maximal auf Zone 2 ½ angehoben werden, Zone 3 maximal auf Zone 4, Zone 4 maximal auf Zone 5, Zone 5 auf Zone 7, Zone 6 bis in Zone 8, Zone 7 bis in die Zone 10, Zone 8 bis in die Zone 11, Zone 9 bis in die Zone 12.

Das Gegenstück zu einer N+ Entwicklung ist die N- Entwicklung. Bei einer solchen Entwicklung bleibt der Film nur eine verkürzte Zeit im Entwickler. Das hat zur Folge, dass sich die Dichten nicht voll ausbilden können, was zur Folge hat, dass der Kontrast zwischen den Zonen insgesamt verringert wird, während er sich bei einer N+ Entwicklung erhöht. Das Ganze wird als Push- (N+) bzw. Pull-Entwicklung (N-) bezeichnet.

Wie läuft eine Negativentwicklung ab?

Der belichtete Film wird in völliger Dunkelheit, es darf nicht mal das bekannte Rotlicht brennen, aus der Filmdose genommen und auf eine Kunststoffspule gewickelt. Diese Spule wird mit dem Film in die Entwicklerdose gelegt und diese mit dem Innendeckel mit eingebauter Trichterfunktion lichtdicht verschlossen.

Anschließend wird die Entwicklerflüssigkeit durch den Trichter in die Dose gegeben und in einer festgelegten Weise entwickelt. Nach Ablauf der Entwicklungszeit wird die Lösung in ein Behältnis gekippt und der immer noch lichtempfindliche Film gewässert. Dadurch werden die gröbsten Reste der Entwicklerflüssigkeit entfernt und mit dem Wasser ausgeschüttet. Nun wird die Fixiererlösung in die Dose gegeben und der Film die vorgegebene Zeit darin fixiert. Anschließend wird der Fixierer entfernt und der Film mehrmals in der Dose gewässert.

Nun ist der Film fast fertig. Er muss nur noch getrocknet werden.

Was ich hier nur grob beschrieben habe, ist tatsächlich ein komplexer Vorgang, der es in sich hat. An ihm scheiden sich sämtliche Geister und Fotografen haben diverse Feinheiten dabei entwickelt, mit denen Sie ihre hervorragenden Ergebnisse erzielen. Zu diesen Feinheiten zählen unter anderem unterschiedliche Verdünnungen der Entwicklerlösung, unterschiedliche Entwickler sowieso. Auch die Art und Weise, wie die Entwicklerdose während des Entwicklungsvorganges gekippt, gedreht, geschüttelt oder aber auch in Ruhe gelassen wird, hat großen Einfluss auf die Ausbildung der Dichten, und damit auch auf die finale Erscheinung der fertigen Fotografie. Die Temperatur der Entwicklerlösung ebenso.

Wie der Entwicklungsprozess nun tatsächlich zu erfolgen hat, ist davon abhängig, welches Ergebnis einem vorschwebt und welches Material, also welchen Film und welchen Entwickler man verwendet. Viele Fotografen meinen, sie hätten den Königsweg gefunden und streiten mitunter heftig (zuweilen auch engstirnig) für ihre Methode. Dabei wird dann gerne übersehen, dass ihre Methode zwar für sie persönlich die beste sein mag, aber nicht zwangsläufig auch für andere, die vielleicht von vornherein andere Ergebnisse anstreben. Denn, was wäre Fotografie, wenn alle das Gleiche machten? Dann hätten wir keine Kunst, sondern Knipserei!

Die Entwicklerlösung

Entwickler sind sowohl in flüssiger als auch in pulverförmiger Form erhältlich, wobei der pulverförmige vor Gebrauch natürlich in Wasser gelöst werden muss. Der flüssige Entwickler (die sogenannte Stammlösung) wird in einem bestimmten Verhältnis mit Wasser verdünnt, bevor die zur Entwicklung des Films verwendet werden kann. Ich benutze Rodinal und die Standardverdünnung dafür ist 1+25, dass heisst 1 Teil Rodinal kommt auf 25 Teile Wasser. Es gibt verschiedene Entwickler, die alle ihre spezifische Eigenschaft haben, also auch zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Ein belichtetet Film, welcher mit dem Entwickler x entwickelt wurde, mag ganz anders wirken, als wäre er mit Entwickler y behandelt worden. Ich benutze wie gesagt Rodinal. Er ist der älteste Entwickler und wurde damals von Agfa in den Markt eingeführt. Seine Haltbarkeit auch nach Anbruch einer Flasche, soll „grenzenlos“ sein. Auf jeden Fall ist er nicht so schnell hin, wie andere Entwickler.

Die Temperatur des Entwicklers

Da die Negativentwicklung ein chemischer Vorgang ist, hat auch die Temperatur der Lösung Einfluss auf das Ergebnis. Gewöhnlich wird mit einer 20 Grad warmen Arbeitslösung entwickelt. Die Entwicklungszeitenangaben der Filmhersteller beziehen sich in der Regel auf diese Temperatur. Es geht jedoch auch mit mehr oder weniger. Höhere Temperaturen beschleunigen die Entwicklung, führen also zu kürzeren Entwicklungszeiten, niedrigere verlängern sie.

Das Kippen der Entwicklerdose während des Entwicklungsvorganges

Auch spielt es eine Rolle, ob die Entwicklerdose während des Entwickelns ruht oder bewegt wird. Selbst die Art und Weise der Bewegung ist von Relevanz. Hintergrund ist, dass die Entwicklerlösung während des Prozesses verbraucht wird, also an Wirkung verliert. Die Bewegung der Dose führt dazu, dass ständig frische Entwicklerlösung an die Filmoberfläche geführt wird, was zu einer anderen Schwärzung führt, als bei einer Standentwicklung, bei der die Dose ruht oder nur wenige Male bewegt wird.

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