Die Sunny-16-Regel (mal ohne Automatik fotografieren)

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Ohne Belichtungsmesser mit der Sunny-16-Regel arbeiten

Automatiken in Kameras sind natürlich eine feine Sache. Ich benutze sie auch, manche öfters, manche manchmal und manche nie, aber auch wirklich nie. Mit Automatiken sind natürlich in erster Linie die Belichtungsautomatiken gemeint, und nicht der heutzutage in jeder Kamera vorhandene Belichtungsmesser (Beli). Diesen benutze ich eigentlich immer wenn möglich. Es gibt allerdings auch Kameras, die keinen Beli besitzen, meine Franka zum Beispiel. Ebenso meine Agfa Clack und die Bilora Blitz Box. Sobald ich mit der Franka unterwegs bin, und das ist gar nicht so selten, denn sie ist eine ideale Mittelformatkamera für die Jackentasche, muss ich zur Sunny-16-Regel greifen. Das tue ich eigentlich immer bei der Kamera, auch wenn ich das Feintuning bzw. eine Überprüfung mit dem Beli meines iPhones vornehme. Bei der Agfa Clack muss man sogar schon vor dem Einlegen des Film Überlegungen im Sinne der Sunny-16-Regel anstellen, um einen Film entsprechend der Wettersituation einzulegen. Denn die Kamera hat nur zwei Blenden: 11 und 16. Und eine einzige Verschlusszeit: 1/30 Sekunde,

Ich denke, diese Regel ist ein hervorragendes Mittel, um sich als Fotografen-Novize allmählich von der Fesseln der Kameraautomatiken zu lösen (von den diversen Motivprogrammen sowieso). Denn die diversen Belichtungsautomatiken bewirken im Grunde zweierlei: Erstens nehmen sie dem Fotografen die wichtigen fotografischen Entscheidungen aus der Hand (warum sollte ich mir das gefallen lassen, schließlich bin ich doch derjenige, der fotografieren will), und zweitens gaukeln sie dem Fotografen völlig zu Unrecht vor, richtige Belichtung sei etwas sehr Kompliziertes, ein nur mit Computern erreichbarer Vorgang. Damit wird der Fotograf aber nur so gute Fotos machen können, wie es die Programmierer der Kamerasoftware zulassen. Und weiterentwickeln wird er sich auch nicht, da er nicht an den Unzulänglichkeiten der Belichtungsautomatiken vorbeikommt.

Also: Her mit der Sunny-16-Regel und Kamera in den Manuellbetrieb! Ab jetzt wird fotografiert! Wer diese Regel beherrscht, möge gerne wieder eine Automatik in der Kamera anwählen, aber wohl nur Zeit- oder Blendenautomatik mit Spot- oder mittenbetonter Messung. Nie die Programmautomatik, und noch seltener die Motivprogramme!!! Wer  möge, sehe sich mal eine  Profikamera im Geschäft an. Je teurer die Kameras werden, je mehr Automatiken verschwinden. Die Motivprogramme als allererstes.

Die Sonne lacht, nimm Blende 8! Wer hat diesen Merksatz nicht schon mal irgendwo gehört? Diese Eselsbrücke sollte man aber lieber nicht wählen. Warum? Nun, sie sagt nichts über Belichtungszeit und Filmempfindlichkeit aus. Diese gehören aber nun mal zwingend zum Belichtungsdreieck dazu! Mein Eindruck ist, dass diese „Blende-8-Regel“ aus einer Zeit stammt, als die Filme noch nicht so lichtempfindlich waren, wie heute bzw. seit den 60iger oder 70iger Jahren.

Die Sunny-16-Regel berücksichtigt alle drei Werte des Belichtungsdreiecks. Doch wie funktioniert sie denn nun?

 

Sunny-16-Regel im Einzelnen

a) Die Verschlusszeit orientiert sich an der Filmempfindlichkeit. Sie ist gleich dem Kehrwert der Filmempfindlichkeit. Haben wir einen ASA-100-Film eingelegt (bzw. an der Digitalkamera eine Filmempfindlichkeit von ASA 100 bzw. ISO 100 eingestellt), dann wird als Allererstes die Verschlusszeit auf 1/100 Sekunde gestellt (oder auf den nächstgelegenen Wert, sofern keine 1/100 Sekunde existiert).

b) Jetzt wird die Blende gemäß Wetter (eigentlich gemäß des herrschenden Lichtes, was aber wiederum vom Wetter abhängt) eingestellt. Und zwar:

               Blende 16 bei hellem Sonnenschein,

               Blende 11 bei leichter Bewölkung,

               Blende 8 bei mittlerer Bewölkung,

               Blende 5,6 bei geschlossener Wolkendecke.

Etwas Übung und Erfahrung bei Anwendung der Regel gehört sicherlich dazu, da die  „Blendenmerksätze“ nicht logisch sind. Denn wenn Cumulus-Bewölkung herrscht (das sind die bekannten Blumenkohlwolken am Himmel, andere nennen sie Schäfchenwolke) und die Sonne scheint gerade aus blauem Himmel zwischen zwei Wolken hindurch (also ohne irgendwelche Wolkenfetzen vor der Sonne), entspricht die Situation eigentlich einem wolkenfreien Himmel, also Blende 16. Denn es dürfte von der Logik ja eigentlich egal sein, wie stark der Bewölkungsgrad generell ist, wenn doch keine der zahlreichen Wolken die Sonne versperrt. In der Praxis ist das leider komplizierter. Denn auch wenn keine Wolken vor der Sonne zu sehen sind, kann genügend Wasserdampf in den oberen Schichten der Troposhpäre vorhanden sein und Licht schlucken. Mit etwas Übung werden solche Situationen aber schnell erkannt.

Daher mein Übungstipp: Stellt die Kamera auf Blendenautomatik, wählt eine Verschlusszeit entsprechend dem Kehrwert der Blende und zielt Motive  in einem mittleren Grauton an (hierfür eignen sich sehr oft die Fahrbahndecken, weniger Wohnhäuser und Baumgruppen). Auch ruhig mal Wolke vor und Wolke neben der Sonne testen. Achtet dabei auf die Blende, die jetzt automatisch vom Belichtungsmesser errechnet wird. Sie wird die oben genannten Werte haben bzw. nur leicht abweichen!

Hält man sich an die Vorgaben, wird man kaum ein Bild so richtig verhauen. Es sollte genug Spielraum vorhanden sein, um die Belichtung am Rechner (digitale Fotografie) oder beim Vergrößern (analog) auf einen Wert zu korrigieren, welcher subjektiv als „richtig“ empfunden wird. Mit „richtig“ und „falsch“ ist das sowieso kompliziert, da lediglich starke Abweichungen nach oben oder unten von den meisten als regelrechte Fehlbelichtung eingestuft werden. Bei Abweichungen um nur eine Blende liegt dies eher noch im Bereich des persönlichen Geschmacks. Meine Erfahrung bei Sonnenlicht ist, dass Blende 16, so wie vorgesehen, zwar für Motive bzw. Situationen geeignet sein mag, die sich komplett im Licht befinden, aber nicht für solche mit Schattenpartien im Bild. Dann wirkt das gesamte Bild nämlich schnell zu dunkel. Denn aufgrund der kräftigen und scharfkantigen Schatten erkennt der Betrachter intuitiv, dass es sich um eine sonnige Szene handelt und erwartet, dass sich diese „Sonnenscheinflut“ auch im Bild wieder spiegelt, was Blende 16 allerdings verhindert. Daher beginne ich bei sonnigen Szenen eigentlich gerne bei Blende 11, was in der Regeln zu dem gewünschten „Sonnenscheineffekt“ in den Bildern führt. 

Nach ein bisschen Übung werdet ihr ein Gefühl für die zu wählende Blende entwickelt haben und bei künftigen Blicken aus dem Fenster Dinge denken wie: „Oh, Blende-11-Wetter!“

Das ist dann der Zeitpunkt, ab dem sich eure Fotografie verändern, verbessern wird.

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