bildgestaltung

Formen

Geometrische Formen lassen sich ebenso wie Linien oder Punkte gestalterisch einsetzten. Am wirkungsvollsten sind dabei leicht erkennbare, einfache Formen wie Dreieck, Kreis, Oval, Rechteck und Quadrat. Genaugenommen handelt es sich bei den Formen auch um eine Ansammlung von Linien, nämlich jener Linien, welche die Form begrenzen. Diese müssen nämlich einen gewissen Kontrast aufweisen, ansonsten könnte die Form kaum vom Hintergrund optisch getrennt werden und wäre als solche nicht erkennbar. Im Grunde ist jedes Element im Motiv, also ein Kopf oder ein Haus, ein Auto oder ein See, abstrakt betrachtet eine Form. Diese Formen sind beim Bildaufbau so ins Verhältnis zueinander zu bringen, dass sie im Sinne der beabsichtigten Bildaussage ein harmonisches Bild ergeben. Aus diesem Grunde ist es auch sehr schwierig bis unmöglich, möglichst viele Elemente harmonisch verteilt in einem Bild unterzubringen. Solche Bilder wirken schnell chaotisch und der Betrachter fragt sich, was der Fotograf eigentlich damit sagen bzw. zeigen will. Daher gilt: Weniger ist mehr!

Das nebenstehende Foto der Kirche von Cantalejo nördlich von Madrid beinhaltet markante Formen: Dominant ist der Winkel, welcher aus Kirchenmauer und Turmkante gebildet wird, und dessen Spitze nach rechts unten aus dem Bild hinaus weist. Dem gegenüber stehen im linken Bildbereich zwei Kreise, die Beleuchtung an der Kirchenmauer. Sie ziehen den Blick, der durchden Winkel nach außen geführt wird, wieder zurück in die linke Bildhälfte, so dass der Betrachter schließlich die Einzelheiten des Kirchturms und der feinen Wolkendecke entdeckt. Ein Bild voller dynamischer Spannung, wie ich meine.

Formen müssen nicht exakt ausgerichtet werden, um als solche erkennbar zu sein. Sie können sogar unregelmäßige Linien haben. Die müssen nur hinreichend einer bekannten Form erinnern, um aufzufallen. Schon werden sie vom Betrachter als solche erkannt und lenken entsprechend den Blick des Betrachters bzw. sprechen diesen emotional an.

Dieser Tatsache muss man sich bewusst sein. Nur dann, wenn man die in einem Bild vorhandenen Formen auch erkennt, kann man diese für die beabsichtigte Bildaussage nutzen, dass heißt, diese bewusst in Szene zu setzten oder aber auch durch Perspektivänderung aus dem Bild zu verbannen. Denn es ist ärgerlich, wenn eine ungewollt ins Bild geratene Form, welche Blickfang sein möchte, die Aufnahme verdirbt. Hierzu zwei Beispiele:

a) Als ich mich in einem Berliner Kaufhaus befand, stand ich auf einer der oberen Etagen und blickte die Rolltreppenanlage hinunter. Es war alles ein reges Treiben auf den Etagen und den Treppen, welches ich mit meiner Handykamera festhalten wollte. Und obwohl ich auf dem Kameradisplay natürlich exakt das gleiche Bild so sah, wie später auch nach dem Auslösen, war mir nicht aufgefallen, dass die von den Rolltreppen und Etagen gebildeten Linien, welche in der Realität natürlich dreidimensionale Objekte sind, in einem Foto jedoch zu zweidimensionalen Flächen mit Begrenzungslinien werden, nun an ein Hakenkreuz erinnerten, welches beim Betrachten auch entsprechend negative Emotionen hervorrief, so dass das Foto zu jenen, die ich nicht mag, gehört.

b) Dem Himmel ist in Aufnahmen ebenso Aufmerksamkeit zu widmen, wie dem eigentlichen Motiv. Denn manchmal erinnern besondere Wolkenformationen an bekannte Formen. Und je deutlicher eine Wolke als Quadrat oder Kreis zu erkennen ist, je stärker zieht sie auch den Blick auf sich. Das ist weder gut noch schlecht. Man muss sich nur dessen bewusst sein und sich fragen, ob man einen solchen Blickmagneten benötigt.

Das Foto zu diesem Beitrag zeigt eigentlich nicht viel: Es ist eine Ansammlung von Formen, hauptsächlich von Dreiecken, die sich mehrfach im Bild wiederfinden. Das Bild lebt einzig von diesen Formen. Ansonsten zeigt es nicht allzu viel: Den Niedergang zum Kabelgatt auf dem Feuerschiff „Elbe 3“ im Museumshafen Övelgönne in Hamburg. Ganz deutlich dominiert ein Dreieck den Bildaufbau, gefolgt von einem Trapez. Man kann sicherlich über die Güte Bildes streiten, aber ein schlechtes Bild ist es sicher nicht. Die Formen retten es. Meine Absicht war es, Enge und Atmosphäre im Kabelgatt unter Deck einzufangen.