AnalogGroßformatLogbuch

Die Plattenkamera ist da! Und nun…?

Eine alte Plattenkamera von ebay

Gestern traf sie nach kurzer Wartezeit ein. Meine für 20 Euro bei ebay ersteigerte Großformatkamera mit Laufboden. Sie war dort als „antike Plattenkamera“ mit Planfilmeinschub angepriesen worden. Weitere Angaben zum Filmformat und zu den weiteren techischen Details fehlten. Auch ob sie noch funktioniert, war nicht mit angegeben. Gut, ich hätte fragen können! Aber wie verlässlich würde eine solche Auskunft bei einer so alten Kamera, sie dürfte gut 70 bis 100 Jahre auf dem Buckel haben, überhaupt sein können? Irgenwie würde sie wohl funktionieren, dachte ich mir. Aber wie präzise? Wird sie brauchbare Fotos liefern? Und was sind eigentlich „brauchbare“ Bilder im Zusammenhang mit so einer alten Kamera? Schließlich habe ich keine neue Digitale ohne Tiefpassfilter gesucht, sondern eine klassische Kamera aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Und wir leben im Zeitalter des Retro- und Grunge-Looks! Wie brauchbar sie ist, wird ein Praxisversuch erweisen müssen, dachte ich. Also egal, bei 20 Euro kannt man kaum Fehler machen. Denn als Deko wäre sie allemal zu gebrauchen. Oder als Ersatzteillager für eine weitere zu ersteigernde Plattenkamera, falls sie nicht funktionieren sollte.

MattscheibeSofort begann ich eine Grundreinigung mit einem feuchten Tuch, Glasreinigungstüchern und etwas Silikonspray für den Laufboden. Etwas skeptisch betrachtete ich die Optik, also Objektiv und Mattscheibe. Doch nachdem ich beides mit Glasreinigungstüchern (bloß kein Silikonspray in den Verschluss) gereinigt hatte und im Wohnzimmerlicht erste „Visierübungen“ unternahm, begann ich zu Staunen: Auf der Mattscheibe erschien ein klares, kontrastreiches Bild. Zwar auf dem Kopf und seitenverkehrt, aber dafür in einer Klarheit und Schärfe, die ich nicht erwartet hatte. Das sah gut aus! Wenn so auch die Fotos werden sollten…

Nun war sie also angekommen und lag auf dem Küchentisch vor mir. Schon der erste Blick erzeugte Freude in mir: Schien sie doch noch gut in Schuß! Starke Gebrauchsspuren am Holzgehäuse, also dem Koffer, aber ansonsten schien sie tadellos zu sein. Und die Gebrauchsspuren erzählen schließlich die Geschichte der Kamera! Der Laufboden ließ sich leicht entriegeln und die Fronstandarte mit Objektiv gut herausziehen. Ich muß dabei sagen, dass ich so ein Ding noch nie bedient habe. Alles ließ sich intuitiv bedienen und funktionierte. Zwar mit etwas Ruckeln, aber gut…

Die nächsten Tests: Der Laufboden, so stellte sich heraus, lässt sich mittels eines Rädchens auch noch ausfahren. Ich vermute mal, diese Funktion ist der Makrofotografie zugedacht, denn Entfernungen von Unendlich bis 1 Meter müssten laut angebrachter Skala mit eingefahrener Laufbodenverlängerung zu fotografieren sein. Bin mir aber nicht ganz sicher. Muss sich zeigen.

Compur-Verschluss an der Laufbodenkamera
Ein ab 1908 gebauter Compur-Verschluss

Das Objektiv hat einen Compur-Verschluss, die ab 1908 gebaut wurden.  Ein Indiz für eine ehemals hochwertige Kamera bzw. ein hochwertiges Objektiv. Und in der Tat: Es lässt sich sowohl horizontal als auch vertikal shiften.
Als Filme werden 9 x 12 cm Planfilme zum Einsatz kommen müssen. Eine entsprechende Planfilmkassete aus Blech gehört dazu. Das ist auch der einzige bisher erkennbare Wermutstropfen: Da die Filme, die im absolut Dunkeln in die Planfilmkassette eingelegt und auch wieder herausgenommen werden müssen, auch nur ein Foto zulassen (denn es sind nun mal keine Rollfilme!), werde ich mit der Kamera mit der derzeitigen Ausrüstung genau ein Foto pro Shooting machen können, und nicht mehr! Ich hatte mir zwar eine gewisse Entschleunigung beim analogen Fotografieren erhofft, aber so stark entschleunigt??? Ich werde mir etwas einfallen lassen müssen…

Kurzum: Mit dieser Laufbodenkamera, die aus der Zeit um 1925 stammt (plus/minus 15 Jahre),  scheine ich einen guten Fang, ein richtiges Schnäppchen gemacht zu haben, welches spannendes Fotografieren einer anderen Art (nämlich der ursprünglichen) erwarten lässt.

Heute im Fotoladen in der Innenstadt erfuhr ich, dass Planfilme seit Jahren dort nicht mehr verkauft werden. Die Nachfrage sei zu gering. Ich solle es mal im Internet versuchen. Da gäbe es das Zeug noch. Nach einer Entwicklung der Negative wagte ich danach gar nicht mehr fragen… Werde ich wohl selber machen müssen. Wie sollte es auch anders funktionieren? Schließlich muss der Film im Dunkeln aus der Kassette entnommen und in den Entwicklungsbecher gelegt werden.

Ich werde weiter berichten!

 

Zusatz 05. Juni 17:

Mittlerweile habe ich erfahren, dass es sich um eine Kamera des ehemaligen Herstellers Kochmann handelt, sie einen Rad-Compur-Verschluss hat und daher aus der Zeit zwischen 1921 und 1927 stammen muss (1921: Gründung des Werkes, 1927: Ablösung des Rad-Compur durch den Ring-Comput, Herstellung der Kameragehäuse in der Anfangszeit aus Holz)

Ein Gedanke zu „Die Plattenkamera ist da! Und nun…?

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