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Wer sich ernsthaft mit hochwertigem Drucken beschäftigt, stolpert früher oder später über eine scheinbar logische, in der Praxis aber hochproblematische Frage: Sollte man ein Bild zuerst mit einer Tonwertkorrektur auf das Papier optimieren und anschließend im Softproof weiter anpassen – oder ersetzt der Softproof diese Arbeit bereits vollständig?
Genau hier liegt eine der häufigsten Fehlerquellen im Farbmanagement. Viele Bildbearbeiter arbeiten technisch korrekt, erzielen aber trotzdem flache oder „totkorrigierte“ Drucke. Der Grund liegt fast immer in einem Missverständnis darüber, was eine Tonwertkorrektur im Kontext eines bestimmten Papiers tatsächlich leistet – und was der Softproof bereits automatisch übernimmt.
Dieser Artikel klärt das Zusammenspiel von Schwarz- und Weißpunkt, Testrampen, Tonwertkorrektur und Softproof und beantwortet die zentrale Frage: Softproof oder Tonwertkorrektur – oder beides?
Schwarz- und Weißpunkt: Was wird eigentlich ermittelt?
Bei der klassischen Ermittlung von Schwarz- und Weißpunkt mithilfe einer Testrampe wird festgestellt, bei welchen Tonwerten ein bestimmtes Papier und Druckverfahren sein maximales Weiß und sein tiefstes Schwarz erreicht. Das Papierweiß ist dabei keine abstrakte Größe, sondern die tatsächliche Farbe und Helligkeit des unbedruckten Papiers. Das Schwarz wiederum ist durch die maximale Farbdichte begrenzt, die Tinte oder Toner auf diesem Substrat erreichen kann.
Diese Messung ist wichtig, denn sie beschreibt den physikalischen Tonwertumfang des Drucksystems. Ein glänzendes Fotopapier bietet einen deutlich größeren Kontrastumfang als ein Naturpapier, ein Zeitungsdruck deutlich weniger als ein Fine-Art-Pigmentdruck. Die Testrampe macht diesen Unterschied sichtbar und messbar.
Der entscheidende Punkt ist jedoch: Diese Information ist kein Arbeitsauftrag für jedes einzelne Bild, sondern eine Charakterisierung des Drucksystems.
Wo diese Informationen tatsächlich landen: Im ICC-Profil
Die mit Testrampen ermittelten Schwarz- und Weißpunkte fließen in das ICC-Profil des Druckers und des Papiers ein. Dort sind sie Bestandteil der Tonwertkurven, der Farbraumgrenzen und der Umrechnungstabellen zwischen Quell- und Zielfarbraum.
Mit anderen Worten: Wenn ein Druckprofil korrekt erstellt wurde, „weiß“ es bereits alles über Papierweiß, Druckschwarz, Tonwertzuwachs und Farbumfang. Diese Informationen müssen nicht erneut manuell ins Bild eingearbeitet werden.
Genau hier beginnt das Missverständnis, das zur doppelten Korrektur führt.
Tonwertkorrektur: Ein Werkzeug mit Kontext
Die Tonwertkorrektur ist ein mächtiges Werkzeug. Sie verschiebt Schwarz- und Weißpunkt eines Bildes und streckt oder komprimiert Tonwerte. In einem medienneutralen RGB-Workflow ist sie ideal, um ungenutzte Tonwertbereiche zu eliminieren oder flache Bilder zu optimieren.
Problematisch wird sie, wenn sie gezielt auf ein bestimmtes Papier angewendet wird, bevor der Softproof ins Spiel kommt. Denn dann wird das Bild bereits auf einen Tonwertumfang reduziert, den der Softproof später noch einmal simuliert.
Das Ergebnis ist eine doppelte Anpassung desselben Effekts.
Was der Softproof wirklich macht
Der Softproof ist keine grobe Vorschau, sondern eine farbmanagementbasierte Simulation des späteren Drucks. Er übersetzt die Bilddaten aus dem Arbeitsfarbraum über das ICC-Profil des Drucksystems in eine Darstellung, die die Einschränkungen des Papiers berücksichtigt.
Dabei werden zwangsläufig auch Schwarz- und Weißpunkt des Papiers eingebunden. Wird zusätzlich die Papierfarbe simuliert, zeigt Photoshop sogar, wie weit sich das Papierweiß vom Monitorweiß entfernt. Die Simulation des Druckschwarz verdeutlicht, wie viel Tiefe tatsächlich erreichbar ist.
Das Entscheidende ist: Der Softproof berücksichtigt diese Faktoren automatisch. Es ist nicht notwendig – und sogar schädlich –, sie vorab manuell in das Bild einzubauen.
Softproof oder Tonwertkorrektur: Warum beides zusammen oft falsch ist
Wird ein Bild zuerst mithilfe einer Testrampe tonwertkorrigiert und anschließend im Softproof weiter angepasst, wird derselbe physikalische Sachverhalt zweimal berücksichtigt. Das Bild verliert dabei schrittweise an Dynamik.
Typische Symptome sind:
– zu helle oder graue Tiefen – fehlende Zeichnung in den Lichtern – insgesamt flauer Bildeindruck
Diese Probleme sind kein Zeichen eines schlechten Profils, sondern das Resultat einer doppelten Kompensation.
Die richtige Aufgabenverteilung
Die Testrampe dient der Kontrolle und Charakterisierung des Drucksystems. Sie hilft dabei, ein Profil zu bewerten oder einen Druckprozess zu stabilisieren. Sie ist jedoch kein Werkzeug für die tägliche Bildbearbeitung.
Der Softproof hingegen ist das zentrale Entscheidungsinstrument für die bildindividuelle Anpassung. Erst hier wird sichtbar, wie das konkrete Motiv unter den Bedingungen des Zielmediums wirkt.
Die Tonwertkorrektur hat ihren Platz – aber innerhalb des Softproofs, nicht davor.
Der saubere Workflow in der Praxis
Ein bewährter Workflow beginnt mit einer neutralen, medienunabhängigen Bildbearbeitung. Das Bild wird in RGB so optimiert, dass es ausgewogen, kontrastreich und technisch sauber ist, ohne auf ein bestimmtes Papier Rücksicht zu nehmen.
Erst danach wird der Softproof aktiviert. Nun zeigt sich, wo das Papier an Grenzen stößt: Lichter verlieren an Brillanz, Tiefen wirken weniger satt, Farben flachen ab. Diese Effekte werden nun gezielt ausgeglichen – idealerweise über separate Einstellungsebenen, die ausschließlich für den Proof gelten.
Auf diese Weise wird das Bild nicht „verbogen“, sondern intelligent an das Medium angepasst.
Wann bewusste Tonwertanpassungen sinnvoll sind
Es gibt Ausnahmen, in denen gezielte Tonwertanpassungen notwendig sind. Stark saugende oder kontrastarme Papiere profitieren oft von einer moderaten Kontrastanhebung. Auch kreative Entscheidungen können bewusst vom neutralen Ideal abweichen.
Der Unterschied ist entscheidend: Diese Anpassungen erfolgen auf Basis des Softproofs und nicht als Ersatz für ihn.
Fazit: Eine klare Entscheidung
Die Frage „Softproof oder Tonwertkorrektur“ lässt sich eindeutig beantworten. Die Tonwertkorrektur ist kein vorgelagerter Ersatz für den Softproof, sondern ein Werkzeug innerhalb des Softproof-Prozesses.
Wer den Schwarz- und Weißpunkt eines Papiers einmal im Profil erfasst hat, muss ihn nicht bei jedem Bild neu einstellen. Der Softproof übernimmt diese Aufgabe bereits vollständig.
Oder anders formuliert: Die Testrampe erklärt die Physik des Drucks. Der Softproof übersetzt sie in Wahrnehmung. Gute Drucke entstehen dort, wo man dieser Übersetzung vertraut.
