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Wetplate-Fotografie – Die Magie des Kollodiumverfahrens
In einer Zeit, in der Millionen von Bildern täglich mit Smartphones entstehen, erlebt eine beinahe vergessene Technik eine überraschende Renaissance: die Wetplate-Fotografie. Auch bekannt als Kollodium-Nassplattenverfahren, steht sie für entschleunigte Prozesse, handwerkliche Präzision und eine unverwechselbare Ästhetik. Doch woher kommt diese Technik, was macht ihr Aussehen so besonders – und warum fasziniert sie Fotografen bis heute?
Ein Blick zurück: Die Geschichte der Wetplates
Das Wetplate-Verfahren wurde 1851 von Frederick Scott Archer vorgestellt. Zu einer Zeit, in der Fotografie noch aufwändig, teuer und technisch limitiert war, revolutionierte das neue Verfahren die Bildherstellung. Es ermöglichte detailreiche Negative auf Glasplatten, die deutlich schärfer waren als frühere Methoden wie die Daguerreotypie.
Der Name „Wetplate“ erklärt zugleich die größte Herausforderung: Die Glasplatte musste während des gesamten Prozesses – vom Beschichten über die Belichtung bis zur Entwicklung – feucht bleiben. Fotografen arbeiteten daher oft mit mobilen Dunkelkammern, sogar auf Schlachtfeldern oder in abgelegenen Landschaften. Trotz des hohen Aufwands setzte sich das Verfahren rasch durch und dominierte die Fotografie bis in die 1880er-Jahre, bevor es von Trockenplatten und später vom Rollfilm abgelöst wurde.
Das charakteristische Aussehen: Unperfekt und lebendig
Was Wetplate-Bilder so einzigartig macht, ist ihre Unberechenbarkeit. Staubeinschlüsse, Schlieren, ungleichmäßige Beschichtungen oder kleine chemische Reaktionen sind keine Fehler, sondern Teil der Bildsprache. Jedes Bild ist ein echtes Unikat.
Typisch sind:
- extreme Schärfe in den Details
- ein sehr geringer Dynamikumfang
- leuchtende Hauttöne und dunkle Himmel
- sichtbare Ränder und Spuren des Herstellungsprozesses
Besonders Porträts wirken oft zeitlos, beinahe geisterhaft. Lange Belichtungszeiten zwingen die Porträtierten zur Ruhe – was den Bildern eine intensive Präsenz verleiht, die man in der digitalen Fotografie selten findet.
Wetplates heute: Entschleunigung als Gegenbewegung
In der heutigen Fotografie ist das Wetplate-Verfahren kein Massenmedium mehr, sondern eine bewusste künstlerische Entscheidung. Fotografen, die mit Wetplates arbeiten, suchen häufig das Gegenteil von Perfektion und Geschwindigkeit. Der Prozess verlangt Geduld, Wissen über Chemie und ein tiefes Verständnis von Licht.
Zeitgenössische Künstler wie Sally Mann haben maßgeblich dazu beigetragen, das Verfahren neu zu interpretieren und in die moderne Kunstfotografie zu überführen. Wetplates werden heute in Porträt-, Landschafts- und Fine-Art-Fotografie eingesetzt – oft als Statement gegen die Austauschbarkeit digitaler Bilder.
Warum Wetplates auch heute relevant sind
Wetplate-Fotografie erinnert uns daran, dass Fotografie mehr sein kann als ein schneller Klick. Sie macht den Entstehungsprozess sichtbar, feiert Materialität und Zufall und schafft Bilder mit Seele. In einer visuell überladenen Welt gewinnen solche entschleunigten, handgemachten Arbeiten zunehmend an Bedeutung.
Wetplates sind damit nicht nur ein historisches Relikt, sondern ein lebendiger Beweis dafür, dass alte Techniken neue Relevanz entfalten können – gerade weil sie sich der Perfektion verweigern.
