So war das aber nicht…

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Erwartungen

Jeder hat unterschiedliche Erwartungen an ein Foto. Viele, vielleicht sogar eine Mehrheit, erwartet im Gegensatz zur Malerei eine realistische Abbildung der Realität. Zu viel Retusche stört sie, und manche betrachten dies sogar als Frefel, als Abkehr von der Fotografie. Ist so eine Sichtweise berechtigt?

Wie sieht es mit folgendem Bild aus? Es ist am Ostufer des Flensburger Hafens aufgenommen mit Blickrichtung Norden. Das Gebäude steht dort (auch in der Realität) am Kai und die Schiffe liegen vor ihm im Wasser, so wie es das Bild zeigt. Zeigt es die Realität? Und wenn ja, welche? Das Bild ist stark bearbeitet. Es zeigt, was „nicht so war“, denn es zeigt Manches gar nicht oder in einer anderen Farbe. Ich habe es retuschiert.

Und nun?

Moderne Architektur am Ballastkai im Hafen von Flensburg.
Moderne Architektur am Ballastkai im Hafen von Flensburg.

Realitäten in der Fotografie

Wieviel Bildbearbeitung ist erlaubt?

„So war das aber nicht.“

Öfters habe ich diesen Satz genau so gehört. Von meiner Mutter, meinem Onkel oder auch meiner jüngeren Tochter. Sie scheinen Fotografien zu erwarten, die zeigen, „wie es halt so war.“

Eine solche Haltung ist selbstverständlich zulässig. Sie verkennt meines Erachtens aber, dass das „wie es war“ nicht alleine das Ergebnis der optischen Ereignisse vor der Kameralinse ist, sondern sich dies aus diversen Eindrücken formt.

Wie war es denn? Und was war wie? Und warum sollte ein Foto zeigen, was wie war?

Kein Foto zeigt Realitäten. Das ist ein Irrtum. Bereits der Aufnahmeprozess bzw. die dafür notwendige Optik „verfälscht“ die Realität, wenn wir es genau nehmen wollen. Es verzerrt, da es einen dreidimensionalen Raum auf ein zweidimensionales Medium bringt. Das führt zu Größenänderungen. Wir alle kennen das von einer Weltkarte und staunen gelegentlich, wie groß Grönland doch im Vergleich zu Afrika sein soll. In Wahrheit ist es viel kleiner, nicht größer, aber das zweidimensionale Medium Landkarte kann nun mal die Realität einer Kugel nicht abbilden. Das geht nicht.

Ebenso führt der Entwicklungsprozess zwangsläufig zu Veränderungen dessen, was sich real vor der Kamera abspielte. Apropos Entwicklung: Die erfolgte früher natürlich ausschließlich in schwarzweiß. Nichts „war so“, wie es anschließend in schwarzweiß gezeigt wurde. Gar nichts, es war bunt, nicht in Grautönen.

Auch der Einsatz eines Blitzgerätes ist eine Manipulation der Realität. Es verändert die Lichtverhältnisse massiv. Vom Einsatz von Fotofiltern mal ganz zu schweigen.

Objektivität, wo sie hingehört

Es gibt Disziplinen in der Fotografie, die erfordern ein Höchstmaß an Objektivität. Da erwartet man diese. Bei Polizeifotografen bzw. deren Fotos zum Beispiel. Es liegt auf der Hand, dass bei dem „Beweismittel Foto“ keine Tatwerkzeuge oder Spuren hinein- oder rausretuschiert werden dürfen. Veränderungen am Bild sind, wenn überhaupt, lediglich in Bezug auf Helligkeit und Kontrast zulässig. Das Gleiche gilt für die gesamte dokumentarische Fotografie, also für Fotoreporter.

Aber auch für das Genre Streetfotografie. Hier liegt die Kunst ja gerade darin, einen flüchtigen, realen Moment des öffentlichen Lebens so einzufangen, dass es ein ansprechendes, aussagekräftiges Bild ergibt. Sinn der Streetfotografie ist die Dokumentation des öffentlichen Lebens. Somit gelten auch die für Dokumentationen gültigen Regeln, was die Authentizität betrifft. Natürlich ließen sich solche Szene bzw. ein solches Bild auch kontrolliert erstellen, etwa mit Fotomodellen oder zusammengebaut am Rechner. Natürlich kann man sowas machen und dies wäre auch nicht anrüchig. Dann sollte man es aber nicht als „Streetfotografie“ bezeichnen, denn diese Bezeichnung suggeriert nun mal Authentizität. Sowas wäre dann „Fake“. Nicht das Bild an sich, jedoch das Bild in Verbindung mit dem falschen Label. Das wäre das Gleiche, als wenn sich ein Brustschwimmer mit einer guten 100-Meter-Zeit rühmen würde, aber verschweigt, dass er diese gute Zeit in Wahrheit mit Kraulen erreichte. Beide Schwimmstile sind zulässig, nur die Einordnung in diesem Falle dann nicht.

Andere Genres erlauben mehr. Fineart sogar alles. Man könnte es auch als den „Freistil der Fotografie“ bezeichnen.

Objektivität, wo sie hindert

Als meine Tochter „so war das aber nicht“ zu mir sagte, hatte ich ihr ein Portrait von ihr gezeigt, welches ich zuvor in den Vierlanden aufgenommen hatte, nun aber vor die Elbphilharmonie montiert hatte. Ich hatte einfach die Location ausgetauscht, lediglich den Hintergrund verändert: Aus Landschaft wurde moderne Architektur. Was das Portrait an sich betraf, hatte ich natürlich kein Veränderungen vorgenommen. Veränderungen am Portrait (zumindest solche, die mehr als „Schminken“ sind) mag ich nicht. Dann wäre es kein Portrait mehr, sondern Fineart, Phantasy oder was aus immer.

Meine Nachfrage quittierte sie mir mit: „Ich war ja nicht da.“

Ach so ist das, sie war nicht da…

Sollen Fotos etwa zeigen, wo man war?

Nun war meine Tochter also nicht da gewesen. Zumindest nicht, als ich sie fotografierte, das stimmt. Aber war sie als Hamburgerin wirklich noch nie da? Und wenn nicht: Wäre das schlimm? Die Montage mit der Elbphilharmonie ist ein arrangiertes Bild, etwas gezielt Zusammengestelltes. Das war das Originalbild aber auch. Meine Tochter wäre nicht auf der Wiese gewesen, hätte ich diese nicht ausgesucht, um sie dort zu fotografieren. Sie hätte in dem Moment irgendwas anderes an einem anderen Ort gemacht.

Aber so funktioniert Fotografie nun mal! Zumindest alles außerhalb von Schnappschüssen, also Fotografien, die Szenen zeigen, ohne das der Fotograf in irgendeiner Weise Einfluss auf deren Zustandekommen nahm. Eigentlich nicht mal durch seine Anwesenheit. Denn wenn das fotografierte Subjekt ihn bemerkt und sich nach ihm umdreht, also in die Kamera schaut, geht es bereits mit manipulierten Realitäten los. Wobei natürlich der Umstand, dass ein Fotograf da steht, nach dem man sich umdreht und in dessen Kamera man schaut, selbstverständlich auch „Realität“ ist, aber gesteuerte. Wenn auch ungewollt.

„Bitte Lächeln“ verändert Realitäten

20 Menschen auf einem Gruppenportrait würden niemals zufällig zusammenkommen, um sich in Dreierreihen nebeneinander aufzustellen und in eine Richtung zu lächeln. Warum sollten sie das auch machen? Es ist eine arrangierte Realität. Was ist schlimm daran?

Also: Was soll der Satz „So war das aber nicht!“ aussagen?

Und was wäre erst mit der Videografie? Glaubt etwa jemand „Herr der Ringe“ zeigt Realitäten? Alles ist Illusion, was dort gezeigt wird. Ebenso wie in jedem Film.

Das Gleiche gilt aber auch für die Fotografie. Was sollte daran anders sein?

Die Dove-Elbe in Ochsenwerder

Dem Bild habe ich einen Wetplatelook verpasst. Na und?

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