Die Davidwache an der Reeperbahn.

400 Jahre Reeperbahn

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Die Davidwache an der Reeperbahn.
Die Davidwache an der Reeperbahn.

400 Jahre Reeperbahn – Vom Handwerksort zur weltberühmten Amüsiermeile

Die Reeperbahn ist mehr als nur eine Straße. Sie ist Mythos, Projektionsfläche, Arbeitsort, Vergnügungsviertel und Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen zugleich. Kaum ein anderer Ort in Deutschland vereint so viele Gegensätze auf so engem Raum. Im Jahr 2026 blickt Hamburg auf 400 Jahre Reeperbahn zurück – ein Jubiläum, das nicht nur gefeiert wird, sondern auch Anlass bietet, die bewegte Geschichte dieses besonderen Ortes neu zu erzählen.

Wer heute über die Reeperbahn geht, begegnet grellen Lichtern, Musik, Menschen aus aller Welt und einer dichten Mischung aus Unterhaltung, Kommerz und Subkultur. Doch der Ursprung dieser Straße liegt weit entfernt von Nachtleben und Glamour.


Der Name Reeperbahn und seine handwerklichen Wurzeln

Der Name „Reeperbahn“ geht auf das niederdeutsche Wort „Reep“ zurück, das Tau oder Seil bedeutet. Im frühen 17. Jahrhundert war Hamburg eine aufstrebende Hafenstadt, deren wirtschaftlicher Erfolg maßgeblich von der Schifffahrt abhing. Für Segelschiffe wurden große Mengen an Tauen benötigt, die in aufwendiger Handarbeit hergestellt wurden. Diese Arbeit verrichteten die sogenannten Reepschläger.

Um ein Tau herzustellen, brauchte es lange, gerade Arbeitsstrecken, auf denen die Hanffasern über viele Meter verdrillt werden konnten. Diese Strecken nannte man Reeperbahnen. Da das Handwerk viel Platz benötigte, laut war und wegen der verwendeten Materialien eine erhebliche Brandgefahr darstellte, wurden die Reepschläger aus der engen Innenstadt an den damaligen Stadtrand verlegt. Das Gebiet vor den Hamburger Stadtmauern, im heutigen Stadtteil St. Pauli, bot dafür ideale Voraussetzungen.


Warum 2026 von „400 Jahre Reeperbahn“ gesprochen wird

Ein genaues Gründungsdatum der Reeperbahn existiert nicht. Historisch belegt ist jedoch, dass sich die Reepschläger in den 1620er-Jahren schrittweise in dem Gebiet ansiedelten, das später ihren Namen tragen sollte. Um das Jahr 1626 war dieser Prozess weitgehend abgeschlossen. Dieses Jahr gilt heute als symbolischer Ausgangspunkt für die Geschichte der Reeperbahn.

Aus diesem Grund wird 2026 das Jubiläum „400 Jahre Reeperbahn“ begangen. Es ist kein Geburtstag im klassischen Sinne, sondern eine historisch begründete Bezugnahme auf den Beginn der Nutzung des Areals, das sich in den folgenden Jahrhunderten immer wieder neu erfunden hat.


Vom Arbeitsort zum Vergnügungsviertel

Mit dem technischen Fortschritt verlor das traditionelle Reepschlagen im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts an Bedeutung. Gleichzeitig wuchs Hamburg stark, der Hafen zog Seeleute, Händler und Arbeiter aus aller Welt an. St. Pauli entwickelte sich zu einem Durchgangsort für Menschen, die kamen und gingen, die arbeiteten, warteten oder ihre Zeit zwischen zwei Reisen verbrachten.

Wo viele Menschen auf engem Raum zusammentrafen, entstanden zwangsläufig Orte der Unterhaltung. Erste Kneipen, Tanzsäle, kleine Theater und Varietés prägten zunehmend das Bild der Reeperbahn. Schon früh hatte der Stadtteil den Ruf, freier, lauter und weniger angepasst zu sein als das bürgerliche Hamburg jenseits der alten Stadtgrenzen. Diese Mischung aus Toleranz, wirtschaftlicher Notwendigkeit und urbanem Leben legte den Grundstein für den späteren Mythos der Reeperbahn.


Zerstörung und Neubeginn nach 1945

Der Zweite Weltkrieg hinterließ auch auf der Reeperbahn massive Zerstörungen. Bombenangriffe trafen große Teile St. Paulis, viele Gebäude lagen in Trümmern. Doch die Nachkriegszeit markierte keinen Bruch, sondern vielmehr einen erneuten Wendepunkt in der Geschichte der Reeperbahn.

Nach 1945 wurde St. Pauli zu einem Ort des Neubeginns. In der britischen Besatzungszeit strömten Soldaten auf den Kiez, und mit ihnen entstand ein enormes Bedürfnis nach Ablenkung, Unterhaltung und Vergessen. Bars, Tanzlokale und Clubs eröffneten oft improvisiert, nicht selten am Rande der Legalität. Die Reeperbahn wurde zum Sinnbild einer Gesellschaft, die sich aus den Trümmern heraus wieder dem Leben zuwandte.


Die Reeperbahn in den 1950er- und 1960er-Jahren

In den folgenden Jahrzehnten verfestigte sich der Ruf der Reeperbahn als Amüsiermeile. Die Straße wurde zum internationalen Anziehungspunkt für Seeleute, Touristinnen und Touristen sowie Nachtschwärmer aus ganz Deutschland. Prostitution, die es in St. Pauli schon lange gegeben hatte, wurde nun sichtbarer und prägte das Bild des Viertels nachhaltig.

Gleichzeitig entstand eine lebendige Musikszene, die weit über Hamburg hinausstrahlte. Anfang der 1960er-Jahre traten die Beatles in Clubs auf der Reeperbahn auf, lange bevor sie Weltruhm erlangten. Diese Zeit machte St. Pauli zu einem wichtigen Ort der Pop- und Rockgeschichte und trug wesentlich zum kulturellen Mythos der Reeperbahn bei.


Zwischen Glanz und Schatten: Die 1970er- und 1980er-Jahre

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Reeperbahn gingen auch problematische Entwicklungen einher. In den 1970er- und 1980er-Jahren geriet der Kiez zunehmend in den Fokus von Machtkämpfen, organisierter Kriminalität und medialer Skandalisierung. Zuhälterstrukturen, Gewalt und Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen bestimmten das öffentliche Bild dieser Zeit.

Dennoch blieb die Reeperbahn stets auch ein Lebens- und Arbeitsort. Hinter der grellen Fassade existierten Nachbarschaften, Familien und kleine Betriebe. Für viele Menschen war der Kiez nicht Mythos, sondern Alltag. Diese Ambivalenz gehört bis heute zur DNA der Reeperbahn.


Der Wandel seit den 1990er-Jahren

Ab den 1990er-Jahren begann eine neue Phase der Veränderung. Die Stadt Hamburg investierte verstärkt in Stadtentwicklung und Sicherheit, gleichzeitig entdeckten Investorinnen und Investoren das wirtschaftliche Potenzial der Reeperbahn. Große Clubs, Musicaltheater und Eventformate zogen ein neues Publikum an.

Mit Formaten wie dem Reeperbahn Festival wurde der Kiez neu positioniert – als Ort der Kreativwirtschaft, der Musik und des internationalen Austauschs. Dieser Wandel brachte Chancen, führte aber auch zu Diskussionen über Gentrifizierung, Verdrängung und den Verlust von Subkultur.


400 Jahre Reeperbahn – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Das Jubiläum 400 Jahre Reeperbahn lädt dazu ein, die Geschichte dieser Straße nicht zu verklären, sondern in ihrer ganzen Komplexität zu betrachten. Die Reeperbahn war nie nur Vergnügungsmeile, nie nur Problemzone und nie nur Kulturerbe. Sie war und ist ein Ort des Wandels, an dem gesellschaftliche Entwicklungen früher und sichtbarer stattfinden als anderswo.

Nach vier Jahrhunderten steht die Reeperbahn erneut an einem Punkt, an dem ihre Zukunft verhandelt wird. Zwischen Tradition und Transformation, zwischen Freiheit und Regulierung, zwischen Kiez und Kommerz bleibt sie ein Ort, der polarisiert und fasziniert.


Fazit: 400 Jahre Reeperbahn als Spiegel Hamburgs

Die Geschichte der Reeperbahn ist eng mit der Geschichte Hamburgs verbunden. Vom Handwerksstandort der Reepschläger über das Vergnügungsviertel der Nachkriegszeit bis hin zur global bekannten Kulturmeile erzählt sie von Arbeit, Migration, Freiheit und Wandel. 400 Jahre Reeperbahn sind 400 Jahre urbanes Leben in all seinen Facetten.

Das Jubiläum 2026 ist deshalb weniger ein nostalgischer Rückblick als vielmehr eine Einladung, diesen einzigartigen Ort weiterhin kritisch, neugierig und offen zu begleiten.

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