Paprika in drei Farben

#2: Das Motiv

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Ein schönes Motiv: Die Speicherstadt in der Hamburger Hafencity
Speicherstadt in der Hamburger Hafencity

Das Motiv vor und hinter der Kamera

Als Motiv bezeichnen wir verschiedene Dinge. Zum einen ist es ein Beweggrund für eine Tat, zum anderen bezeichnen wir damit all das, was wir mit unserer Kamera ablichten. Da auch das Fotografieren, oder genauer das Anfertigen einer Ablichtung von irgendetwas eine „Tat“ ist, braucht es ein Motiv hinter der Kamera, um das Motiv vor der Kamera abzulichten. Irgendetwas muss die innere Stimme des Fotografen schließlich antreiben, sie sagen lassen: „Fotografiere das jetzt!“

Dieses „irgendetwas“ gilt es zu identifizieren, um es nach Möglichkeit ins Bild hineinzubringen. Denn erst wenn das Motiv hinter der Kamera sich im Motiv vor der Kamera wiederfindet, ist das Bild perfekt!

Was meine ich damit?

Betrachten wir mal eine Situation näher, welche wohl jeder irgendwie kennt. Früher waren es die Dia-Abende, die im Einzelfall schon mal recht strapaziös sein konnten, heute reicht ein flüchtiger Bekannter, der einem mit nicht enden wollenden Wischgesten über sein Smartphone die letzten Urlaubsbilder unter die Nase reibt, wobei sich die Begeisterung manchmal auf den Wischer begrenzt. Um diese Situation zu verstehen, müssen wir das Motiv hinter der Kamera näher betrachten.

 

Das Motiv hinter der Kamera 

Unser Wischer, um im Beispiel zu bleiben, befand sich, als er die Fotos fertigte, in Urlaubslaune. Im Urlaub sammelt man aber viele neue Eindrücke, die aus vielen Details geformt werden: Dem guten Wetter, dem guten Essen, der Freundlichkeit der Menschen, der Wärme, der Gerüche, der Romantik, der Entspannung und wer weiß was sonst noch alles. All dies trägt nun mal zu der allgemein guten Urlaubsstimmung bei und man ist leicht versucht, die allgemein gute Atmosphäre durch planloses Umhergeknipse in einer Vielzahl von Bildern festhalten zu wollen. Ich mache das auch ganz gerne mal, ganz nach dem Motto: Man weiß ja nie! Ein Foto ist jedoch nur ein Stück Papier, auf dem sich Punkte, Linien, Flächen und Farben befinden. Es enthält niemals die Wärme, die wir am Strand spüren, nicht den Geschmack des herrlichen Essens, nicht den Duft einer Taverne oder eines Waldes, nicht die Ruhe inmitten der Bergwelt, aber auch nicht den Lärm einer pulsierenden Stadt.

Es enthält nur Farbe und Linien!!! Das aber bedeuted, dass ein Urlaubsfotos niemals all das transportieren kann, was der Fotograf empfand, als er das Foto schoss. Denn dessen Empfindungen sind die Summe diverser Eindrücke, nicht nur seiner visuellen! Ja selbst die Freude über den Nachgeschmack eines tollen (oder eben der Ärger wegen eines schlechten) Frühstücks vermag seine (Grund-)Stimmung zu beeinflussen und mitentscheidend darüber sein, ob er einem herrlichen Bergpanorama (zumindest in dem Moment!) positiv oder negativ gegenübersteht. Sozusagen als Zünglein an der Waage.

Weil das aber so ist und beim Betrachten der eigenen Fotos immer auch die im Unterbewusstsein gespeicherten Eindrücke der während des Fotografierens erlebten realen Situation hineinspielen, Eindrücke, die der unbefangene Betrachter nicht hat, erklärt sich die einseitige Begeisterung beim Foto-Wischer. Denn das Betrachten von eigenen Fotos ist der Auslöser dafür, die Empfindungen von damals wieder zum Leben zu erwecken. Und zwar die Empfindungen hinter der Kamera, die ein unbefangene Betrachter nun mal nicht hat. Ihm steht nur das zur Verfügung, was der Fotograf vor seiner Kamera hatte.

Was ist die Konsequenz daraus? Um langweilige Fotos zu vermeiden ist es daher wichtig, sich im Klaren darüber zu werden, welcher innere Beweggrund dem Wunsch, etwas im Bild festhalten zu wollen, zugrunde liegt. Was ließ die innere Stimme „fotografier das“ sagen? Welches Gefühl liegt diesem Wunsch zugrunde? Ist es die Ehrfurcht vor einem grandiosen Bergmassiv? Dann gilt es zu überlegen, wie man dieses Gefühl beim Betrachter hervorrufen kann. Ist es eine gewisse Situationskomik? Dann überlege, wie man diese im Bild transportiert. Erst wenn dies gelingt, können spannende Fotos entstehen.

Das Motiv hinter der Kamera wird so zum eigentlichen Thema des Bildes, das Abgebildete nur der Handlungsstrang, der dieses Thema transportiert. 

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